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Herbsttagung

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Gesellschaftliche Verantwortung der Wirtschaftswissenschaften


Tagung im Herbst 2009 in Heidelberg


Motivation
Im Namen der politischen Ideologie des Neoliberalismus – und unterstützt von Kernmodellen der ökonomischen Standardtheorie – wurde jahrzehntelang einer Wirtschaftspolitik der Deregulierung und Liberalisierung das Wort geredet. Mit der derzeitigen Finanzmarktkrise jedoch scheint ihre Dominanz in Frage gestellt. Das neoliberale Projekt von Ökonomen wie Friedrich August von Hayek oder Milton *Friedman hat zu einem Wandel der Politik geführt, da Think Tanks und Politikberatung die neoliberal geprägte Angebotspolitik von Magaret Thatcher und Ronald Reagan vorbereitet und unterstützt haben. Diese Wende von einer aktiven keynesianischen Wirtschaftspolitik zum neoliberalen Rückzug des Staates zeichnen die beiden marktliberalen Autoren Yergin und Stanislaw in ihrer Dokumentation „The Commanding Heights“ (Yergin/Stanislaw 1998) nach. In den Wirtschaftswissenschaften findet heute kaum eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Erkenntnissen und daraus folgenden Handlungen statt. Lediglich an den Rändern der orthodoxen Mainstream-Ökonomik wird über die gesellschaftliche Verantwortung der Ökonomik diskutiert. Diese Reflexionen resultierten aus einer Kritik an der neoklassischen Orthodoxie, die auch zahlreiche Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaft teilen (vgl. Hodgson et al. 1982). Ökonomische Ideen des Mainstreams beruhen auf dem Weltbild der Moderne und dominanten Diskursen wie der Informatik (Mirowski 2002) oder der klassischen Mechanik (Mirowski 1989). Die Sprache und Verwendung der Mathematik bestimmt damit die Struktur ökonomischen Wissens und dessen Rezeption mit (McCloskey 1998). Eine Kritik der Mainstream-Ökonomik und die Forderung nach einer pluralen Ökonomik wurde insbesondere durch studentische Proteste im Jahre 2000 an der Universität Sorbonne in Paris virulent (vgl. www.paecon.net). Die von Studierenden initiierte Bewegung der Postautistischen Ökonomik hat jedoch die (wissenschafts-)politische Dimension ihrer Kritik bisher kaum reflektiert. Dagegen sahen sich zahlreiche Stammväter der Wirtschaftswissenschaften als politische Ökonomen. "I [Keynes] am sure that the power of vested interests is vastly exaggerated compared with the gradual encroachment of ideas" (Keynes, 1936:384).

Erkenntnisziele
Die Tagung soll dazu dienen, die Wechselwirkungen zwischen Ökonomik und Politik sowie Gesellschaft zu untersuchen. Es sollen die Transmissionsriemen zwischen beiden analysiert werden, um die Rolle der Ökonomik und der WirtschaftswissenschaftlerInnen in Politik und Gesellschaft zu verstehen.

Theoretischer Zugang
Die Interdependenz zwischen Wirtschaftswissenschaften und Politik soll insbesondere aus zwei Perspektiven betrachtet werden. Als eine Perspektive dient die Politikwissenschaft und partiell die Neue Politische Ökonomik. ÖkonomInnen müssen bei der Beratung von Politikern und anderen politischen Akteuren deren spezifische Interessen und die interessengeleitete Rezeption von wissenschaftlichen Erkenntnissen berücksichtigen (Frey/Kirchgässner 2002). Der bisherige Erkenntnisstand umfasst insbesondere die Rolle neoliberaler Ideen und ihre Einspeisung in politische Prozesse. Eine umfassende Analyse des Neoliberalismus aus politikwissenschaftlicher Perspektive geben Plehwe et al. (2006). Die zweite Perspektive ist eine wissenschaftstheoretische und wirtschaftsethische. Zentrale Aufgabe der Wirtschaftsethik muss eine reflexive Kritik der normativen Gehalte der Ökonomik sein (Ulrich 1998). Das verlangt auch eine wissenschaftstheoretische Reflexion auf die Disziplin namens „Ökonomik“. Die Ökonomik bildet das Wirtschaftsgeschehen nicht bloß ab, sondern beeinflusst es auch. Die möglichen expliziten und impliziten normativen Gehalte der Ökonomik (Weber 1956, Albert 1990) erreichen daher gesellschaftliche Wirksamkeit. Die Untersuchung der Wirkungen der Wirtschaftswissenschaften auf die Politik soll dabei jedoch nicht auf das Verhältnis neoklassische Modellökonomik – Neoliberalismus beschränkt bleiben. Die postautistische Forderung eines Pluralismus in der Ökonomik darf sich einer kritischen Selbstreflexion nicht verschließen. Die sog. heterodoxen Ansätze, die sich als Alternativen zum heutigen Mainstream verstehen, müssen ihr Verhältnis zur Politik ebenfalls kritisch reflektieren: Verstehen sie sich als Politische Ökonomie? Welche impliziten Annahmen bestimmen ihr Verhältnis zur Politik mit? Was für einen Anspruch stellen sie an ihre eigene Politikberatung?

Ergebnisse
Am Ende der Tagung soll ein Manifest für einen Pluralismus in den Wirtschaftswissenschaften und für eine kritische Selbstreflexion aller ökonomischen Schulen verabschiedet werden.

Literatur

  • Yergin, Daniel ; Stanislaw, Joseph (1998): The Commanding Heights: The Battle for the World Economy, London: Simon & Schuster.
  • Plehwe, Dieter ; Walpen, Bernhard ; Neunhöffer, Gisela: Neoliberal hegemony: a global critique. London [u.a.]: Routledge, 2006. - 0-415-37327-1
  • Hodgson, Geoffrey; McCloskey, Donald; Mäki, Uskali (1982): A Plea for a Pluralistic and Rigorous Economics: Announcement, In: American Economic Review, Advertisement-Section, S. xxv.
  • Keynes, John Meynard (1936): The General Theory of Employment, Interest and Money. London, Basingstoke: Macmillan.
  • Frey, Bruno S.; Kirchgässner, Gebhard (2002): Demokratische Wirtschaftspolitik Theorie und Anwendung. München: Vahlen.
  • McCloskey, Deirdre N. (1998): The Rhetoric of Economics. Madison, Wisconsin: 2. Aufl. University of Wisconsin Press.
  • Mirowski, Philip (1989): More heat than light: economics as social physics, physics as nature's economics. Cambridge u.a.: Cambridge University Press.
  • Mirowski, Philip (2002): Machine dreams: economics becomes a cyborg science. Cambridge [u.a.]: Cambridge Univ. Press.
  • Ulrich, Peter (1998): Weltethos und Weltwirtschaft – eine wirtschaftsethische Perspektive. In: Küng, H. und Kuschel, K.-J. (Hrsg.): Wissenschaft und Weltethos. München, S. 40-60.
  • Weber, Max (1956): Der Sinn der »Wertfreiheit« der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften, in: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Stuttgart: Kröner.
  • Albert, Hans (1990[1971]): Theorie und Praxis. Max Weber und das Problem der Werturteilsfreiheit und der Rationalität, in: Albert & Topitsch (Hrsg.): Werturteilsstreit. Darmstadt:Wiss. Buchges.
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