SZ 05
Aus PAEcon
Postautisten ante Portas
Angenommen, der Manager erhebt sich aus dem Chefsessel, blickt im 14. Stock der Untemehmenszentrale aus dem Fenster und fragt sich, in welchem makroökonomischen Umfeld er da eigentlich Tag für Tag seine Entscheidungen trifft. Wird die Konjunktur wieder nur vom Export getragen? Sollte die Bundesregierung nicht endlich den Kündigungsschutz aufweichen, damit die Beschäftigung steigt und mit ihr die Konsumfreude der Deutschen? Nicht einmal mehr auf die Wirtschaftsweisen ist Verlass, die sich seit Neuestem nicht einmal ihrer grün, geschweige denn einig sind in der Rezeptur zur Verbesserung der gesamtwirtschaftlichen Lage. Bei ihnen geht es zu wie im eigenen Untemehmensvorstand damals in den Krisenzeiten: Eitelkeiten, Grabenkriege, Glaubensschlachten um die bessere Strategie.
Der Manager ahnt auch, dass die Händel der fünf Sachverständigen nur die Spitze des Eisbergs sind. Wie Unternehmen im globalen Wettbewerb und in der Morgendämmerung der neuen Wissensökonomie durch Festhalten am alten Kurs zuweilen ins Schlingern geraten, so findet sich auch die neoklassisch dominierte Wirtschaftswissenschaft in raueren Gewässern wieder. Inzwischen auch in Deutschland. Spätestens, seit anno 2000 Pariser Ökonomiestudenten öffentlich protestierten und gegen den mathematisch fixierten Formel-Autismus der herrschenden neoliberalen Lehre zu Felde zogen, wächst das Unbehagen an der universitär gelehrten Mainstream-Ökonomie. „Wir wünschen nicht länger, dass uns eine autistische Wissenschaft aufgezwungen wird", lautet der Schlachtruf der so genannten Postautisten, die sich nun, einige Jahre später, auch an deutschen Almae matres formieren (www.pecon.net oder www.paecon.de).
Das neue Unbehagen an der herrschenden Nationalökonomie geht indes tiefer als die sattsam bekannten Richtungskämpfe zwischen angebots- und nachfrageorientierten Wirtschaftswissenschaftlern. Die zentrale Kritik der Postautisten richtet sich gegen die lebensfremde, mathematische Verengung einer Wissenschaft, die letztlich mehr Sozial- als Naturwissenschaft ist. Manche behaupten sogar, die Ökonomik sei inzwischen mathematischer als die Physik, versuche, ökonomische Gesetze wie Naturgesetze aufzudecken und zu analysieren. Dabei schrecken Vertreter der herrschenden Lehre selbst vor Modellkonstruktionen nicht zurück, in denen sie zwei Menschen unter der Annahme, dass sie unendlichlange leben und keine Nachkommen zeugen, auf eine Insel verfrachten, um Verteilungsfragen rechnerisch auf die Spur zu kommen. Einer der beredtesten Kritiker gegen solche technizistisch-blutleeren Ansätze ist der Schweizer Ökonom Bruno S. Frey. Dieser beklagt sich bitter, dass sich die Volkswirtschaftslehre immer stärker zu einer Analyse „formaler und selbstdefinierter Probleme" entwickele und dass sie sich auf bestem Wege befinde, zur „Unterabteilung der angewandten Mathematik" zu degenerieren. Und Viktor Vanberg, Direktor des Freiburger Walter-Eucken-lnstituts und also Hüter des Ordoliberalismus, hält die obwaltende „Mathematikmanie" der Ökonomie für äußerst bedenklich. Wer heute eine universitäre VWL-Karriere anstrebe, müsse sich dem der Mechanik entliehenen Formel-Instrumentarium unterwerfen, dessen Grundvoraussetzung die Ausblendung der Individualität der Akteure im Wirtschaftsprozess ist.
Kein Wunder also, dass die Hauptforderung der postautistischen Studentenbewegung darin besteht, die Lehrpläne der Wirtschaftswissenschaften um die Fächer Wirtschaftsgeschichte, Geschichte des ökonomischen Denkens, Wirtschaftsethik und Wissenschaftstheorie verbindlich zu erweitern. Da würden sie dann auch auf eine typische Ironie der Geschichte stoßen, nämlich auf den Urvater der theoretischen Ökonomik, Leon Walras, der sie „als naturwissenschaftlich-mathematische Disziplin wie die Mechanik" entwickeln wollte. Ausgerechnet Walras (1834 - 1910), der eigentlich Ingenieur werden wollte, scheiterte zwei Mal bei der Aufnahmeprüfung an der Pariser Ecole Polytechnique - wegen mangelnder Mathematikkenntnisse. So lassen sich im Übrigen viele kollektiv verfestigte (Glaubens-)Gewissheiten auf jeweils ganz persönliche Motivlagen Einzelner zurückverfolgen. Auch wenn die dann später einen ganzen Berufsstand in die methodische Isolation treiben, auf die er dann auch noch stolz ist. Und dem der hervorragende Evolutionsökonomiker Birger Priddat, früher Witten-Herdecke, heute Friedrichshafen, ins Stammbuch schreibt: „Eine Ökonomie, die sich auf rein ökonomische Zusammenhänge beschränkt, ist eine verarmte Ökonomie."
So geht der Manager nachdenklich wieder zurück an seinen Schreibtisch und beglückwünscht sich dazu, dass er in seinem mikroökonomischen Unternehmenskosmos längst erkannt hat, dass es sich bei den 6000 hier beschäftigen Menschen allesamt nicht um leidenschaftslose, kalt berechnende Nutzenmaximierer der Kunstgattung homo oeconomicus handelt, sondern um sehr unterschiedliche Vertreter der Spezies Mensch mit jeweils besonderen Fähigkeiten und Ansprüchen. Das erleichtert ihm selbst seine Arbeit zwar nicht gerade, aber ein realitätstüchtiges Menschenbild macht sie für ihn letztlich berechenbarer als jedes ästhetisch zwar hochwertige, praktisch aber unbrauchbare Ceteris-Paribus-Modell Berechenbarkeit vorgaukelt.
Quelle: Dagmar Deckstein in der SZ/Wirtschaft am 17. Januar 2005


