Krise des Kapitalismus und die Zukunft der Wirtschaftswissenschaft
Aus PAEcon
Tagung im Herbst 2010 in Kassel
-gemeinsam mit der Hans-Böckler-Stiftung-
Motivation
Die Geschichte der ökonomischen Wissenschaft war stets von zahlreichen theoretischen und paradigmatischen Richtungswechseln sowie anhaltendem Mit- und Gegeneinander unterschiedlicher Perspektiven, Paradigmata, Theorien und Schulen geprägt. Ob Marshall oder Schmoller, Veblen, Schumpeter, Keynes oder Robinson: Die ökonomischen DenkerInnen sowie die Theorien, Perspektiven und Paradigmata, die es seit Adam Smith gab und gibt, waren stets – und sind nach wie vor – zahlreich. Nur selten und kurzfristig gab es Phasen eines aktiv gelebten und produktiven Pluralismus in der Ökonomik. Nach einer Phase intensiver und grundsätzlicher Diskussionen in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Disziplin nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend zu einem Gebilde, das in Theorie, Forschung, höherer Bildung und Politikberatung von einem ‚Mainstream‘ dominiert wurde. Seit den siebziger Jahren wurde verstärkt ein allumfassender sozialwissenschaftlicher Erklärungsanspruch (‚ökonomischer Imperialismus‘) und politischer Gestaltungsanspruch (Neoliberalismus) erhoben. Motiviert von dem Wunsch, eine exakte Wissenschaft, eine ‚Physik des Sozialen‘ zu werden, entwickelte sich die Ökonomik zunehmend zu einer abstrakten Modellökonomik voneinander unabhängiger individualistischer Akteure mit ‚rationalen‘ Erwartungen. Reale Probleme rückten dabei zu Gunsten mathematischer Probleme bei der Modellierung einer idealisierten ‚Marktwirtschaft‘ im (stabilem) ‚optimalen‘ Gleichgewicht in den Hintergrund. Die angewandten mathematischen Methoden waren im wesentlichen die aus der Physik des 19. Jahrhunderts bekannten. Diese Kritik ist nicht neu. Sie wird heute zwar angesichts des gegenwärtigen allumfassenden und globalen Desasters von 30 Jahren praktizierter Politikempfehlungen der führenden neoklassischen und neoliberalen Ökonomen praktisch täglich in renommierten Printmedien (New York Times, Times, Financial Times Deutschland, Zeit usw.) mit nicht zu überbietender Radikalität formuliert und mit der Forderung nach einem ökonomischen Paradigmenwechsel verbunden. Aber bereits im Jahre 1992 unterzeichnete eine Vielzahl berühmter Ökonomen, eine pluralistische Gruppe offener ‚orthodoxer‘ sowie ‚heterodoxer‘ Ökonomen, ein ‚Plädoyer für eine pluralistische und rigorose Wirtschaftswissenschaft‘ in der American Economic Review: „Wir, die Unterzeichner, sind besorgt über die Gefahr, die von einer intellektuellen Einseitigkeit für die Wirtschaftswissenschaften ausgeht. Heutzutage machen Ökonomen ein einziges Set an Methoden und Kernannahmen geltend, die häufig lediglich damit gerechtfertigt werden, dass sie den ‚Standard‘ bilden.“
Angesichts der vielfältigen und komplexen systemischen Krisen wie der Finanzmarktkrise, der realwirtschaftlichen Krise, der Klimakrise, der Nahrungsmittel- und Rohstoffkrise, der Verteilungskrise und wachsenden Massenarmut, der Arbeitslosigkeit, des Bildungsmangel und vielfältiger moralischer Krisen der ‚Eliten‘ rächt es sich nun, dass – insbesondere im deutschsprachigen Universitätsbetrieb – bisher fast ausschließlich die ökonomische Standardtheorie gelehrt wird. Die ökonomische Orthodoxie entlässt jährlich Zehntausende einseitig und unzulänglich ausgebildeter Akademiker in die soziale Realität von Ökonomie und Beruf. In Forschung, Theoriebildung und Printöffentlichkeit haben in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten ‚Heterodoxien‘ vielfach die Forschungsfragen gestellt, die modernen formalen Methoden entwickelt und die Theoriebildung beeinflusst. Komplexitätsökonomik, originäre institutionelle Ökonomik, Post-Keynesianismus, evolutorische Ökonomik, Neo-Schumpeterianische Ökonomik, Politische Ökonomik, Sozio-Ökonomik, komplexe Modellierung, System Dynamics, Simulationen, Agent-based Modeling, Behavioral Economics/experimentelle Ökonomik, ökologische Ökonomik, feministische Ökonomik, Wirtschaftsethik, sind Stichworte, die heute schnell in den Sinn kommen. Sie erhalten zunehmend größere Diskussionsanteile und signalisieren einen potentiellen paradigmatischen Entwicklungsschub in der ökonomischen Wissenschaft. Die ‚post-autistische‘ Bewegung hat sich in den letzten zehn Jahren in den meisten westeuropäischen Ländern und in den USA, ausgehend von einer Grundsatzerklärung französischer Doktoranden der ‚Grand Écoles‘ und den dadurch ausgelösten Debatten in und außerhalb der Ökonomik, als Reaktion auf diese Situation der höheren Ausbildung an den Hochschulen gebildet. Auch in Deutschland gibt es seit einigen Jahren den AK ‚Postautistische Ökonomie‘ (PAEcon) als Gruppe von Doktoranden und einigen wenigen etablierten ‚heterodoxen‘ Professoren, die an theoretischen Alternativen und aktiv gelebtem Pluralismus interessiert sind.
Ziele
Die gemeinsame Tagung der Hans-Böckler-Stiftung und des AK ‚Postautistische Ökonomie‘ soll dem Wunsch nach einer pluralistischen und selbstkritischen Kultur in den Wirtschaftswissenschaften Ausdruck verleihen. Sie soll dazu dienen zu diskutieren, (1) welchen Einfluss die ökonomische Theorie des ‚Mainstream‘ auf Politik und gesellschaftliche Prozesse hat, (2) welche Implikationen für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik die verschiedenen ‚Heterodoxien‘ bereitstellen und auf welchen normativen Grundlagen diese u.a. beruhen, (3) welche Konsequenzen sich aus der gegenwärtigen Systemkrise für die Entwicklung der verschiedenen Paradigmata und ihre Politikempfehlungen sowie (4) für die Kultur der ökonomischen Wissenschaft insgesamt ergeben (die ‚Pluralismus‘-Frage).
Die Tagung soll einen Diskussionsraum bieten für die verschiedenen ‚Heterodoxien‘ im deutschsprachigen Raum, sowohl untereinander wie auch mit Vertretern eher ‚herrschender‘ Positionen.


